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Berichte

Lieber Menzo …

heute schreibe ich dir. Die gegenwärtigen Umstände erlauben es mir nicht, zu spazieren und von dir ist bekannt, dass du nicht in private Häuser eindringst.

Die letzten Tage, ohne direkte Kontakte mit Freunden und der Familie, belasten mich nicht übermässig. Es sind andere Vorfälle, die mich beschäftigen. Solche von denen ich nie erwartete, dass sie eintreffen.

Noch vor dem Versammlungsverbot konnten wir die Fahnenburg, das sichtbare Zeichen des Mottos Zusammenleben in Menziken, gemeinsam mit 85 Einwohnern einweihen.

Dann der Hammer: Finstere Gesellen nutzten die wegen der Einschränkungen der Versammlungsfreiheit nächtliche Ruhe für eine Nacht- und Nebelaktion. Brachen das Gerüst der Fahnenburg auf und stahlen 11 Fahnen.

Erst überkam mich eine Wut. Wut auf diejenigen, denen offensichtlich das Zeichen des friedlichen Zusammenlebens in unserer Gemeinde störte. Die nicht wahrhaben wollen, dass unsere Gesellschaft dank der zugewanderten Menschen funktioniert.

Anfang Februar musste ich als Notfall im Spital Menziken operiert werden. Der Chirurg, ein unter uns lebender Spezialist aus Deutschland, der Anästhesist ein Ukrainer. Die Assistenzärztin, die mich nach der OP betreute und sich um mein Wohlergehen besorgt war, redete so, wie Aargauerinnen reden. Auf ihrem Namensschild ein kurdischer Familienname. Die Frauen, die mein Zimmer reinigten, redeten unter sich in einer mir fremden Sprache.

Wer hätte mich in der Not operiert und gepflegt, wenn diese Leute nicht bei uns leben würden. Kaum einer der Vandalen.

Nach der Wut über die Untat begann ich zu hinterfragen. Waren ich und all die anderen, welche ihren Beitrag zum Bau der Fahnenburg leisteten, naiv. Glaubten wir, dass alle so wie wir dachten, es an der Zeit ist, ein Zeichen der Zusammengehörigkeit zu setzen. Waren wir blauäugig und beachteten nicht, die mit Brettern vor ihren Köpfen herumgehenden Mitbürgern.

Gerne hätten wir mit ihnen gesprochen, argumentiert und ihre Bedenken angehört. Dazu sind wir auch heute immer noch bereit. Gilt doch seit jeher zwischen Stierenberg und Ischlag der Brauch, sich auszutauschen und gegenteilige Meinungen zu akzeptieren.


Hans Schaub
Mit Ritter Menzo sprach Hans Schaub, Autor verschiedener Romane, wohnhaft in Menziken.
Beliebt sind auch seine «Uftsellerli», die er auf seiner Website www.hansschaub.ch in unregelmässigen Abständen veröffentlicht.

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